Die ersten Schritte

Die ersten Schritte

Die Suche nach den richtigen Partnern, Experten und Handwerkern für dieses Projekt hat sich über Monate hingezogen. Mir war relativ schnell klar, dass wir jemanden brauchen würden, der nicht nur handwerklich arbeiten kann, sondern bereit ist, gemeinsam mit uns komplett neue Wege zu gehen.

In Accra gibt es einige kleine Werkstätten, die Bambusmöbel herstellen, meistens einfache Möbel für Terrassen oder den Outdoorbereich. Tatsächlich habe ich selbst seit über 20 Jahren ein solches Möbelset bei mir stehen, ein Dreiersofa, ein Zweisitzer und zwei einzelne Sessel aus Bambus. Schon damals hat mich dieses Naturmaterial fasziniert. Bambus hatte für mich immer etwas Natürliches, Warmes und gleichzeitig unglaublich Starkes. Vielleicht war genau dort schon der erste kleine Samen für das entstanden, was wir heute aufbauen.

Natürlich war das unser erster Ansatzpunkt. Wir haben die Werkstätten besucht, Gespräche geführt und uns die Arbeiten angesehen. Aber ziemlich schnell wurde deutlich, dass die Fähigkeiten für das, was wir vorhatten, nicht ausreichen würden. Die Möbel waren eher grobe Konstruktionen. Für dekorative Outdoor Möbel war das völlig in Ordnung, aber wir wollten etwas anderes schaffen.

Wir wollten Möbel bauen, die täglich von Kindern in Schulen genutzt werden. Möbel für Krankenhäuser, Kindergärten und Einrichtungen, die stabil, langlebig und belastbar sein müssen. Und genau dort lagen die Herausforderungen.

Während ich in Accra gesucht habe, hat Victor parallel in Kumasi nach geeigneten Leuten gesucht. Auch dort haben wir Menschen getroffen, die mit Rattan oder Bambus gearbeitet haben. Wunderschöne traditionelle Arbeiten, handgemacht und kreativ. Aus unserem europäischen Blick würde man vieles wahrscheinlich als Sommermöbel oder Lounge Möbel bezeichnen. Aber auch dort wurde schnell klar, dass die technische Erfahrung für das, was wir vorhatten, fehlte.

Und trotzdem waren all diese Gespräche unglaublich wichtig für mich.

Denn sie haben mir gezeigt, dass Bambus in Ghana zwar genutzt wird, aber meistens auf eine sehr traditionelle und einfache Weise. Mir wurde klar, dass wir nicht einfach irgendwo eine bestehende Werkstatt finden würden, die genau das kann, was wir brauchen. Wir mussten anfangen, Wissen aufzubauen. Gemeinsam zu lernen. Dinge auszuprobieren. Fehler zu machen und Lösungen zu finden.

Dann kamen die ersten Werkzeuge. Die ersten Maschinen. Und irgendwann lagen die ersten von uns selbst geernteten Bambusstangen in unserer Werkstatt.

Und ehrlich gesagt begann dort erst das wirkliche Abenteuer.

Denn Bambus ist nicht einfach Holz.

Das mussten wir sehr schnell lernen. Bambus reagiert anders. Er arbeitet anders. Er verhält sich komplett anders als das Material, das die meisten Schreiner gewohnt sind. Die ersten Wochen bestanden eigentlich fast nur aus Experimentieren. Manche Verbindungen hielten nicht. Einige Stangen rissen. Andere verformten sich wieder. Immer wieder standen wir da und mussten überlegen: Warum funktioniert das nicht? Was müssen wir verändern?

Ich glaube, genau diese Phase war unglaublich wichtig. Nicht nur technisch, sondern auch menschlich. Wir mussten lernen, geduldig zu sein. Nicht aufzugeben. Und zu akzeptieren, dass man manchmal zehn Dinge falsch macht, bevor plötzlich etwas funktioniert.

Besonders intensiv war für mich das Thema Behandlung des Bambus. Denn unbehandelter Bambus ist anfällig für Insekten, Feuchtigkeit und Schimmel. Also haben wir angefangen, uns tief mit diesen Prozessen auseinanderzusetzen. Wann muss Bambus behandelt werden? Wie schnell nach der Ernte? Welche Mischung funktioniert unter unseren Bedingungen in Ghana? Wie lagert man ihn richtig? Wie trocknet er am besten?

Vieles konnten wir anfangs nicht aus Büchern lernen. Wir mussten es erleben und praktisch ausführen.

Und dann kam irgendwann dieser eine Moment, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde.

Das erste fertige Möbelstück stand vor uns.

Natürlich war es nicht perfekt. Wenn ich heute darauf zurückblicke, sehe ich viele Dinge, die wir inzwischen besser machen. Aber in diesem Moment war das völlig egal. Für mich war es ein unglaublich emotionaler Augenblick. Zu sehen, wie aus einer Idee, aus Gesprächen, Zweifeln, Rückschlägen und so viel Arbeit tatsächlich etwas Echtes entstanden war.

Zum ersten Mal konnte ich sehen: Das hier kann funktionieren.